Seit längerem beschäftigt mich das Thema Sexualität und ich bin immer wieder zu meiner Verbindung zur Führung gekommen. Aber erst seit ein paar Tagen ist mir klar, was mich so sehr beschäftigt hat. Ausschlaggebend war, dass ich bei jedem Workshop, Kundentermin oder auch bei Einzelsitzungen starte die Menschen ihre Ängste, Wünsche, Werte und Ziele erforschen zu lassen. Fast jedes Mal war mindestens eine Person unsicher auf was das bezogen sei – privat oder beruflich. Meine Gegenfrage war immer, was der Unterschied sei. Beides ist unwiederbringlich miteinander verbunden. Wir existieren nur als Ganzes, als ein emotionales Wesen, dass schlichtweg mehrere Rollen hat. Wie komme ich nun auf das Thema Sexualität, wenn ich mich doch eigentlich seit 9 Jahren mit dem Thema Führung befasse? Nun ich glaube zu 100%, dass authentische Führung die Antwort auf die Frage ist, wie wir sowohl glückliche Führungskräfte aber auch glückliche Geführte haben können. Zur authentischen Führung gehören im wesentlichen folgende Bestandteile
  • Selbstkenntnis
  • Selbstregulation
  • Offene Kommunikation
  • Transparente Entscheidungen
  • authentisches Verhalten
Damit ich mich überhaupt authentisch verhalten kann, muss ich zuerst mich selbst kennenlernen. Darum sage ich auch immer, dass Führung nicht erst mit einem Team beginnt, sondern es fängt bei einem selbst an. Selbstführung bedeutet im Grunde nichts Anderes, als fähig zu sein, sich selbst zu kennen oder kennenzulernen und sich zu regulieren, falls man unauthentisch ist. Da wir uns immer weiterentwickeln, ist, dass damit ein andauernder Prozess der im Grunde nie endet. Was enthält aber nun das Thema Selbstkenntnis? Dazu gehören das Kennen seiner eigenen Stärken, Schwächen, Ängste, Wünsche, der Werte, der Identität, der Emotionen, der Motive und Ziele sowie der Purpose. Und hier schließt sich für mich der Kreis zur Sexualität. Sexualität gehört zu fast jedem Menschen. Sie kann sich in den Wünschen, den Werten, der Identität, den Emotionen, den Motiven, den Zielen und sogar in unserem Daseinszweck wiederfinden. Warum also, versuchen wir in unserer Gesellschaft diesen Bereich so zwanghaft aus dem beruflichen Umfeld zu tilgen? Seit Jahren begegnen mir wunderbare Menschen in den unterschiedlichsten Positionen, was sie aber gemeinsam hatten war, dass sie dachten einen Teil ihres Selbst geheim halten zu müssen. Sexualität ist ein Teil von uns. Sogar ein sehr wichtiger. Lt. Maslow findet sich Sex bei den Grundbedürfnissen wieder und ist damit sehr tief in uns verankert. Wie aber sieht es aus, wenn ich versuche Sexualität aus dem beruflichen Umfeld herauszuhalten? Ich muss ausreden erfinden, was ich am Wochenende getan habe, wann ich von der Weihnachtsfeier heimgegangen bin, mit wem ich meinen Abend verbracht habe, was für wundervolle und erfüllende Erfahrungen ich gemacht habe usw. Viele Menschen betreiben irrsinnig viel Aufwand, einen Teil ihrer selbst im beruflichen Kontext geheim zu halten. Wie sollte es auch anders sein, wenn so viele Menschen bestimmte Dinge als unpassend für die Arbeitswelt sehen. Wir haben ein bestimmtes Bild davon, was beruflich und was privat sein muss. Aber wie können wir ein Grundbedürfnis von jedem Menschen aus einem bestimmten Teil unseres Lebens, der noch dazu so groß ist, verbannen? Zu was es führt, ist eine Zerrissenheit in uns selbst. Es führt dazu, dass wir Lügen erfinden, obwohl wir unseren Mitarbeitern als Wert vorleben wollen, dass Ehrlichkeit so wichtig ist. Es werden Lügen Konstrukte gebaut, die sehr aufwendig sind. Was dafür aber notwendig ist, ist sehr, sehr viel Energie. Würde diese Energie aber konstruktiv eingesetzt, wären diese Menschen fähig, noch größeres zu leisten. Aber warum betreiben sie diesen Aufwand eigentlich? Wegen der Gesellschaft? Möglich. Um das geht es mir aber hier nicht. Um was es mir geht ist, diese Menschen vereint eine massiv wichtige Sache, die ihnen fehlt: SELBSTAKZEPTANZ Wenn du dich selbst nicht akzeptierst – ganzheitlich – wie soll dich dann jemand anderes akzeptieren? Was wir damit am Endeffekt versuchen ist, anderen Menschen die Entscheidung abzunehmen, mit was sie umgehen können und mit was nicht. Stellen wir uns ein Team vor, welches als Werte Offenheit, Akzeptanz, Neugier, Wissbegierde, Ehrlichkeit und Respekt definiert hat. Der Chef wird gefragt, warum er denn 5 Tage in Wien verbracht hat. Er erzählt etwas von einer Weinverkostung und einem netten Hotel. Er fühlt sich schlecht dabei, aber er hat Angst, dass ihn seine Mitarbeiter dafür verurteilen, dass er 5 Tage lang auf einen Event verbracht hat, dass sich der Selbstakzeptanz, Selbstliebe, Offenheit und Sex verschrieben hat. Diese Lügen muss er nicht zum ersten Mal erzählen, solche Situationen fanden sich schon ganz oft wider. Gibt es vielleicht jetzt den einen oder anderen Leser, der sich in Nuancen wiederfindet? Ich frage mich, warum diese Führungskraft es als OK ansieht, bei dem Punkt Sexualität seine Werte mit den Füßen zu treten. Es kommen dann Antworten wie,
  • das gehört nicht in die Arbeitswelt
  • das würde niemand verstehen
  • ich würde mit anderen Augen gesehen werden
  • die Leute würden mich nicht mehr ernst nehmen
  • usw
Ich stelle an diesem Punkt aber eine andere Hypothese auf: Diese Menschen akzeptieren sich selbst nicht. Würden sie sich selbst wirklich akzeptieren, dann würden sie nicht zulassen, dass sie sich selbst verbiegen für andere. Denn nichts Anderes ist im obigen Beispiel (und bei ganz vielen Menschen die ich kenne) abgelaufen. Jeder kann ausreden finden, warum etwas von jemand anderen nicht akzeptiert wird. Aber ganz ehrlich – schon mal versucht ehrlich zu sein? Nein? Nun ja dann nimmt man dem Menschen gegenüber eigentlich vorweg die Möglichkeit, selbst zu entscheiden. Und ist, dass nicht eigentlich genau, dass, um was es unter anderem in der authentischen Führung geht? Menschen dazu ermutigen sie selbst zu sein, zu wachsen, zu inspirieren und sich eine eigene Meinung zu bilden? Mich inspiriert der Mensch oben nicht, diese Person zeigt mir nur, dass es mal wieder eine Führungskraft gibt, die sich die Regeln selbst verbiegt, wie sie es gerade möchte und aber von den Mitarbeitern das genaue Gegenteil verlangt. Es ist mal wieder eine Führungskraft, die denkt, sie könne für andere das Denken übernehmen und wisse, was die Personen in seiner Umgebung denken würden. In weiterer Folge hat diese Führungskraft vermutlich nicht nur keine Selbstakzeptanz, sondern diese Person traut sich auch nicht zu, die richtigen Mitarbeiter zu finden. Sie traut also ihren Mitarbeitern nicht zu, loyal zu sein und die Werte die sie gemeinsam festgelegt haben – auch wirklich zu leben. Wir erinnern uns – Akzeptanz war einer dieser Werte. Was natürlich logisch ist, denn die Person ist selbst ein schlechtes Vorbild und denkt somit auch von dem restlichen Team, dass diese Werte verbogen werden, wenn es notwendig ist. Defacto ist diese Person – und jede Person seine eigenen Werte, Ziele, Identität, Emotionen oder sogar seinen Purpose verleugnet oder verdreht, sobald es um das Thema Sexualität geht – keine gute Führungskraft und wird in dieser Form niemals eine herausragende authentische Führungskraft sein. In der authentischen Führung geht man von dem exponentiellen Effekt aus, denn diese Führungsmethode ermöglicht. Denn dadurch, dass diese Menschen ein positives Rollenvorbild für ihre Mitarbeiter und viele andere sein können, haben sie Einfluss auf diese Personen. Sie können diese Personen dazu inspirieren, eine bessere Variante von ihnen selbst zu werden. Aber jemand, dem die Selbstakzeptanz fehlt, kann auch niemand anderen zeigen, wie wundervoll Selbstakzeptanz sein kann und wie sehr es die eigene Lebensqualität steigert. Für mich wäre es ein wunderbares Bild von neuer Führung, wenn wir die Menschen in unserer Umgebung dazu inspirieren, zu sich selbst zu stehen – egal um welches Thema es geht. Sex ist vielleicht in der Kirche vor 2000 Jahren als Schmutzig definiert worden aber aktuell sind wir es, jeder einzelne von uns der bei dieser Stigmatisierung mitspielt, die diese Sichtweise weiterleben lassen.